Oh Baby Baby!

Berlin und ich feiern Einjähriges! Zeit für einen Rückblick: Die ersten Monate mit meinem kleinen Babylein verbrachte ich in einer merkwürdigen Bubble. Wenig Schlaf, ein klitzekleiner neuer Mensch in meinem Arm, diese riesengroße Stadt. Ich war schwer beschäftigt und tat doch immer nur dasselbe. Irrte durch die breiten Straßen und suchte auf dem wunderschönen Sophien-Friedhof II in Mitte Ruhe, wenn die Stadt und überhaupt alles zu viel wurde. Ich war ja erst acht Wochen vor der Geburt von München hierher gezogen und musste gleichzeitig Abschied und Neuanfang verdauen.

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Der Himmel der schreibenden Mutter: ein Arbeitsplatz neben dem Spielzimmer

Heute, fast zehn Monate nach Louisas Geburt, bin ich eingegroovt in meinem neuen Leben als Mama in der Hauptstadt. Aber etwas fehlt. Denn auch als Journalistin muss ich hier ankommen. Dieser Teil von mir hängt noch irgendwo in München fest. Zefix, mir fehlt das Schreiben so sehr, dass ich nachts sogar davon träume! Dann stehe ich im Morgengrauen auf, fahre den Rechner hoch und tippe los, während der Rest meiner kleinen Familie noch ein bisschen Zeit hat, bis der Tag beginnt. Ich spüre, dass ich diesen superwichtigen Teil meines Lebens nicht länger auf dem Abstellgleis parken darf. Aber was tun? Louisa hat schließlich erst ab September einen Kita-Platz.

Dann passierte dies: Eine Freundin schickte mir mit den Worten „Vielleicht was für dich“ einen Link. Zu LE BOX, einem Coworking Space mit Babybetreuung. Ich musste mich erst mal zwicken, denn ich hätte nie gedacht, dass die Lösung für mein Problem quasi um die Ecke liegt. Aber genau das ist Berlin: Es gibt alles! In solchen Momenten ist das gemütliche München verdammt weit weg. Da bin ich ganz selbstverständlich die Kiezmuddi, die nach Babys Mittagessen entspannt zum Coworking Space schiebt. Im Kinderwagen-Kofferraum: Lesestoff, Laptop und frische Windeln.

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Vordergrund macht Bild gesund

Jetzt kann man zu Recht fragen, was ich in einem Coworking Space zu suchen habe, wo ich doch eigentlich (noch) in Elternzeit bin. Ganz einfach: Ich genieße es, in Ruhe Mails zu beantworten. Ich lese auch mal einen Artikel mit Muße zu Ende. Und ja, ich arbeite an einem neuen Blog. Hoffentlich komme ich in den nächsten Wochen dazu, viele Texte zu schreiben, damit er bald online gehen kann. Meine Vorfreude ist riesig. Wenn ich an ihm arbeite, bin ich stolz wie Bolle. Denn er ist wunderschön, mein neuer Blog. Das Design kommt tatsächlich von einer Mama-Kollegin aus dem Pekip-Kurs. Kein Witz. Das Klischee stimmt: Hier in Berlin triffst du auf jeder Spielplatz-Bank eine kreative Frau mit spannendem Projekt. Das ist nicht nur verdammt inspirierend, sondern auch richtig praktisch. Gudrun ist Produktdesignerin und hat mir in ein paar Nachtschichten die Optik für meinen Blog klargemacht. Hoffentlich kann ich mich bald revanchieren und etwas für sie texten. Aber jetzt ist sie erst mal auf großem Segelturn mit Kerl und Kindern. So läuft das hier in der Hauptstadt: Heute schließt du jemanden in dein Herz und morgen löst derjenige seine Wohnung auf und geht zwei Jahre segeln.

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Hinter meinem Schreibplatz: die Kinderwagen-Garagen

Nach einem Jahr Berlin vermisse ich die Menschen in München noch immer. Die meisten meiner Freunde und auch Kollegen sind dort – und ich bin hier. Aber was ich an Energie mitbekomme, wenn ich durch meinen Kiez gehe, ist unbezahlbar. Und ich bin jeden Tag dankbar für die tollen Frauen, die meine Mama-Kolleginnen geworden sind. Am Ende hat mir Berlin aber das größte Geschenk gemacht: Hier feile ich an meinem neuen Projekt, texte ein bisschen und denke eine Idee zu Ende, während meine kleine Tochter nebenan (bestens betreut) vergnügt spielt. Ich schaffe es, Mutter und Journalistin zu sein. Und zwar komplett ohne schlechtes Gewissen. Ich finde, das ist ein richtig guter Anfang. Auf uns, Berlin!

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Superheld braucht Hilfe – ein Jahr nach „Der Tod kann mich mal!“

Vor genau einem Jahr erschien mein Buch „Der Tod kann mich mal!“. Damals war ich erleichtert, dass ich mich nun erst mal nicht mehr mit Krankheit, Tod und Abschied beschäftigen musste. Es sollten aber noch viele Interviews für Zeitungen, Magazine, Radio und Fernsehen folgen. Ich freute mich irre, wie viel Interesse das Buch wecken konnte. Als dann alle Pressetermine geschafft waren, stand auch schon mein Umzug nach Berlin an. Dann war es nicht mehr lang bis zu diesem besonderen Sommermorgen, an dem ich Mama wurde. Ein kleines Mädchen eroberte mein Herz und mein Leben.

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So glücklich war ich, als ich mein Buch endlich in den Händen halten durfte

Auf einmal war alles ganz weit weg, was mich bisher ausgemacht hatte: Die journalistische Arbeit, das Buch, das Flirren um Geschichten. Oft verlor ich das Gefühl für Raum und Zeit – und an das Buch wurde ich nur noch erinnert, wenn ich Post von Lesern bekam (was ich da an Feedback erhielt, hat mich berührt und umgehauen. Dazu schreibe ich aber noch mal gesondert einen Text).

Heute denke ich darüber nach, was das Buch mit mir gemacht hat. Es hat meine Beziehung zu Leben und Tod grundlegend verändert. Doch eine Sache fällt mir noch immer schwer: Der Umgang mit kranken Menschen, die mir nahe stehen. Ich glaube, dass es ganz vielen so geht. Die Beklemmung, bis ein Gespräch in Gang kommt. Diese Sprachlosigkeit. Gibt’s da überhaupt so etwas wie die richtigen Worte?

Traurigerweise ist diese Frage wieder sehr präsent in meinem Leben. Ein Freund ist seit einem Jahr krebskrank, er hat ein superseltenes Burkitt-Lymphom. In den ersten Monaten der Krankheit war die Kommunikation nicht schwer, weil Christian (30) einen klaren Fahrplan von den Ärzten bekommen hatte und wusste, wie lange er Chemotherapie und Krankenhaus noch zu ertragen hatte. Er vertrug die Chemo gut, arbeitete sich von Block zu Block. Und entwickelte einen geradezu sportlichen Ehrgeiz. Ich war schwer beeindruckt von seinem Kampfgeist. Wir alle wussten, dass das Ziel die komplette Heilung war. Dann kam im Herbst die erlösende Nachricht: Christian hat es geschafft, er geht als Gewinner aus der Sache heraus! Er machte seiner Freundin Stefanie einen Heiratsantrag (dem sie insgeheim schon lange entgegen gefiebert hatte) und führte sie im November in München vor den Traualtar. Ich war unendlich glücklich für die beiden. Jetzt würde das Leben so richtig losgehen.

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Christian und Stefanie – zwei Superhelden kämpfen gegen den Krebs

Anfang diesen Jahres dann die bestürzende Nachricht: Der Krebs ist zurück! Christian hatte einen Tumor im Bauchraum, den man sogar von außen fühlen konnte. Das Verrückte ist, dass er 14 Tage zuvor noch bei einer Kontrolle war und die Ärzte sich nach wie vor sicher waren, dass Christian gesund ist. So schnell und aggressiv war der Tumor gewachsen. Schnell wurde klar, wie ernst es diesmal war. Eine herkömmliche Therapie konnte Christian nicht helfen. Auf einmal stand der Tod im Raum. Und ich wurde sprachlos. Da hatte ich mich so viel mit Krebs, Sterben und dem Tod beschäftigt. Doch dann wird ein Freund krank und man ist so schrecklich hilflos, weil das alles so nah an einem dran ist. Oft wollte ich ihm schreiben, habe es dann aber wieder gelassen, weil ich nicht neugierig oder aufdringlich erscheinen wollte. Gestern habe ich mir ein Herz gefasst und ihn angerufen. Ich wollte wissen, wie er sich das mit der Kommunikation wünscht. Wahrscheinlich werden seine Antworten vielen weiterhelfen, die Freunde mit einer schweren Krankheit haben.

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Gab es jemals ein cooleres Brautpaar?!

Christian, regt dich die Frage „Wie geht’s dir“ eigentlich auf?

Ich bin erst mal ein bisschen genervt. Den Leuten ist ja grundsätzlich schon klar, dass ich Krebs habe – es mir also eigentlich nicht gut gehen kann. Was aber so blöd an der Frage ist: Die Leute erzählen nichts von sich, sondern lassen mich einen Wolf tippen. Ich weiß ja nicht, für welchen Aspekt sie sich konkret interessieren. Ich könnte sie in diese depressive Welt, die mich manchmal umgibt, abtauchen lassen. Oder ganz oberflächlich schildern, dass ich gerade im Krankenhaus bin. Die Schreiberei kann ganz schön in Arbeit ausarten.

Wäre es dann besser, sich nicht bei dir zu melden?

Auf keinen Fall, ich freue mich natürlich, wenn sich jemand nach mir erkundigt. Ablenkung ist immer gut. Aber ich möchte eben auch merken, dass sich der andere die Mühe macht, von sich zu erzählen. Und wenn ich Besuch im Krankenhaus empfange, möchte ich nicht unbedingt 90 Prozent Redeanteil haben und die anderen erdrücken. Immer über die Krankheit sprechen – wer will das schon? Aber um es noch mal ganz klar zu sagen: Das Schlimmste ist, sich gar nicht zu melden. Es gibt wirklich niemanden, der sich zu viel gemeldet oder neugierig gewirkt hat.

Sind deine Freunde und Verwandten manchmal geschockt, wenn du ihnen von deiner Krankheit erzählst?

Na klar. Ich muss das dann aushalten. Das ist ja das irre: Du selbst bist krank, musst aber die anderen auffangen und trösten. Aber man entwickelt eine Routine. Ich habe gemerkt, dass ich schlechte Nachrichten nicht gleich weitererzählen darf. Das klingt oft zu negativ und meine Eltern und Freunde machen sich schreckliche Sorgen. Besser ist es, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen, wenn der Arzt mit einer Hiobsbotschaft kommt. So sammele ich mich und schildere dann in etwas abgeschwächter Version, wie es um mich steht. Das war allerdings auch ein Lernprozess für mich.

Aktuell ist deine Lage richtig ernst. Wie gehst du damit um?

Ich war ja erst mal selbst geschockt und bin es noch immer. Die Therapie ist heftiger, ich bin oft abgeschlagen und müde. Klar ist, dass es nach einem Rückfall nicht so einfach wird, die Prognose ernster ist. Ich bin ein analytischer Typ und will genau wissen, was Sache ist. Verständlicherweise wollen manche es nicht wahrhaben, wie es jetzt um mich steht. Es ist schwer zu vermitteln und das kostet Kraft. Jeder will lieber hören, dass alles gut wird.

Seit etwas über einem Jahr bist du jetzt krank. Was hat dich in Bezug auf Kommunikation am meisten geärgert?

Wenn enge Freunde es nicht schaffen, eine konkrete Ansage zu machen. „Möglicherweise machen wir bald mal bei dir in der Nähe Urlaub, dann könnte ich dich ja vielleicht mal besuchen kommen. Vielleicht fahren wir aber auch nach Frankreich“ Hä, was soll das denn? Das finde ich weniger cool und es tut ehrlich gesagt auch ein bisschen weh. Was man in meiner Situation braucht, ist eine verbindliche Abmachung. Wenn jemand bei mir ist, bin ich immer happy. Dann geht die Zeit schnell rum und ich versinke nicht in negativen Gedanken.

Und was hat dich besonders gefreut?

Es haben sich Leute gemeldet, die ich bis dato gar nicht so gut kannte. Kollegen, mit denen ich nur ein paar Mal zu tun gehabt habe. Oder Jungs und Mädels, mit denen man ein paar Mal gesportelt hat. Jemand hat mir auch ein wirklich sehr persönliches Geschenk gemacht, etwas, das ihn immer durch schwere Phasen begleitet hat – und das gibt er mir dann einfach so mit. In so einem Fall muss ich dann auch weinen und bringe nichts mehr raus.

Was ist für dich ein Kommunikations-Faux-pas?

Ach, so viel kann man nicht falsch machen. Ich persönlich kann mit spirituellem Zeug nicht so viel anfangen. Und wenn jemand mantra-mäßig „Alles wird gut“ wiederholt, bin ich genervt. An manchen Tagen kann ich auch „Du bist ein Kämpfer und ziehst das durch“ nicht hören. Wenn ich gerade einen massiven Rückschlag zu verarbeiten habe, ist das der falsche Satz. Aber jeder erwischt da mal einen falschen Tag, ich würde das niemals jemandem krumm nehmen. Ich kann ja auch verstehen, dass man manchmal nicht weiß, was man mir schreiben soll.

Ich würde unser Gespräch gerne mit einem schönen Thema beenden: Wie kam es, dass du Stefanie einen Heiratsantrag gemacht hast?

Als die Ärzte sagten, ich sei krebsfrei, habe ich mein ganzes Leben neu priorisiert. Ich wollte mich um die Leute bemühen, die mich unterstützt hatten. Und ich wollte um Stefanies Hand anhalten. Das hatte ich mir fest vorgenommen, als ich noch in der Klinik lag, schon ganz am Anfang, als es mir noch richtig schlecht ging. Ich lag im Bett, die Schlaftablette hat nicht gewirkt und auf einmal hatte ich diesen Gedanken: wenn das klappt und ich hier fit rauslaufe, nehme ich das in die Hand – und ich bin heilfroh, dass ich das so gemacht habe. Stefanie ist einfach der verborgene Superheld dieser ganzen Geschichte und ich wollte unbedingt mit ihr verheiratet sein. Jetzt ist sie meine Frau.

Gerade kämpft Christian um sein Leben. Seine Frau und er sammeln Geld für ein Medikament, das sein Leben retten kann. Hier gibt es mehr Informationen darüber. Bitte spendet für Christian, wenn ihr könnt!

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Große Liebe, großes Glück. Wir brauchen ein Happy End!

Es ist: ein Buch!

Manchmal wache ich morgens auf und denke: Verrückt, ich muss heute gar nichts fürs Buch machen. Weil es verdammt noch mal fertig ist. In diesen Tagen geht DER TOD KANN MICH MAL! in Druck. Die Pressearbeit hat begonnen. Es gibt sogar ein Video von mir. Und weil ich jetzt nichts mehr fürs Buch machen kann, denke ich heute darüber nach, wie es war, diese 250 Seiten zu schreiben.

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Es gibt in DER TOD KANN MICH MAL! ein ganzes Kapitel darüber, wie es mich verändert hat, das Buch. Ich möchte hier nicht zu viel vorweg nehmen. Deshalb nur diese Andeutung: Es hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Oder so: Die Gespräche mit meinen Protagonisten und Experten haben mich verändert. Aber vor allem hat mich das Buch eines gelehrt: Dass es sich vorne und hinten nicht lohnt, sich über die Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Was habe ich mir im Vorfeld für Szenarien ausgemalt! Ich stellte mir vor, wie meine Protagonisten im letzten Moment abspringen. Ich sah mich, wie ich wochenlang eine Nachtschicht nach der anderen im Journalistenbüro schiebe – weil ich einfach nicht fertig werde. Ich hatte Angst davor, dass die Lektorin meine Texte auseinandernimmt und ich mich am Ende wie eine Verliererin fühle. Was soll ich sagen? Nichts von dem ist eingetroffen. Keine einzige Nachtschicht. Keine verletzende Kritik meiner Lektorin. Kein doofes Gefühl von Versagen, kein einziges Mal. Und meine Protagonisten waren von Anfang an mit Herzblut dabei. Ich konnte sie bei Fragen immer erreichen, mich mit ihnen austauschen, wenn ich im Text gerade stecken geblieben war.

Stattdessen war da oft ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit. Ich erlebte durch das Buch Dinge und lernte Menschen kennen, die ihren Weg nie und nimmer in mein Leben gefunden hätten. Ich nahm an einem Lachyoga-Seminar teil. Ich saß in einer Vorlesung über Palliativmedizin bei Kindern und Jugendlichen. Ich interviewte den Mann, der als erster in Deutschland ein Herz bei einem Kind transplantierte. Ich weinte mit einer Mutter, die ihre Tochter an den Krebs verloren hatte – und die trotzdem so viel Lebensmut und Freude in sich trägt. Solche Begegnungen sind Geschenke.

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Geht gut: Schreiben an einem schönen Ort wie diesem

Und was meine Befürchtung vor den einsamen Nachtschichten angeht: Auch hier hatte ich großes Glück (und Glück muss ein Mädchen einfach haben!). Meine liebe Freundin, die Schauspielerin Christina Hecke, drehte im Sommer einen Film am Ammersee. Sie hatte sich in ein wunderschönes altes Bauernhaus eingemietet. Und ich durfte sie besuchen. Also saß ich im Garten an einem Holztisch oder drinnen in der Stube und schrieb. Kapitel für Kapitel. Zwischendurch gingen wir spazieren, tranken Tee, lagen im Gras. Das war kein einsamer Ich-schreibe-ein-Buch-Sommer. Ich fühlte mich lebendig wie nie. Obwohl ich mich ständig mit dem Tod auseinandersetzte. Klar gab es Momente, an denen ich schrecklich traurig war. Ich weiß noch, wie ich davon erfuhr, dass eine meiner potentiellen Protagonistinnen verstorben war – noch bevor wir unser Interview führen konnten. Abgesehen von manchem trüben Tag habe ich das Leben in mir aufgesogen. Es bewusster gelebt als jemals zuvor.

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Christina ist nicht nur vor der Kamera große Klasse

Heute weiß ich: Angst ist immer ein schlechter Berater. Im Nachhinein hätte ich mir viel weniger einen Kopf machen müssen, ob alles glatt geht, ob das Buch gut wird, ob ich Protagonisten finde, ob der Verlag zufrieden mit meiner Leistung sein wird. We can cross the bridge when we come to it. Diese Einstellung habe ich jetzt verinnerlicht.

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Lieblingstee

Jetzt sind es nicht mehr zwei Monate, bis DER TOD KANN MICH MAL! erscheint. Auf der einen Seite: endlich! Auf der anderen Seite gehören diese sehr persönlichen Texte dann nicht mehr nur mir. Ich bin gespannt, was der 15. März und die Zeit danach mit mir machen werden. Aber Angst habe ich keine mehr. Vor was auch? Am Ende wird doch alles gut.

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Kapitel fertig? Dann erst mal Tee & Kuchen!

Leergeschrieben

Der letzte Eintrag ist ein halbes Jahr her. Puh. Google wird denken, mich gibt’s nicht mehr. Aber mich gab’s ja auch nicht so richtig. Warum hier nichts passiert ist, ist schnell erzählt – und würde dann doch Abende füllen. Um es kurz zu machen: Ich habe ein Buch geschrieben und mein Leben umgekrempelt.

Zum Buch: Meines dreht sich um schwerkranke Jugendliche. Es wird also ein Sachbuch und erscheint im März. Titel: DER TOD KANN MICH MAL. Das Manuskript liegt seit vorgestern beim Verlag. Ich bin jetzt leergeschrieben. Nach der Abgabe konnte ich mich nicht mal freuen, so fertig war ich. Gestern dachte ich: das kann es auch nicht sein. Also traf ich mich mit Emily. Weil sie noch fahren wollte, trank sie ein Glas Champagner und ich den Rest der Flasche. War dringend nötig.

Ich werde ganz sicher an einem anderen Tag mehr dazu sagen, wie es ist, ein Buch zu schreiben. Dass man monatelang denkt: wird eh nie fertig. Und wie es sich dann anfühlt, auf einmal am letzten Kapitel zu sitzen. Dazu brauche ich noch etwas Abstand. Jedenfalls: Dieser Eintrag wird für die nächsten Wochen mein vorletzter Text sein. Also überhaupt. In Bezug auf Wörter werde ich detoxen. Ich textchefe jetzt noch zwei Wochen in einer Redaktion und strecke dann meine Füße in den Sand. Und im Oktober geht es dann weiter.

Ich freue mich wahnsinnig darauf, wieder richtige (journalistische) Geschichten zu machen. Was nicht heißen soll, dass man in einem Buch keine richtigen Geschichten aufschreibt. Aber dieses lange Abtauchen in ein Projekt war noch nie mein Ding. Schon bei meiner Diplomarbeit wurde mir recht schnell klar, dass ich definitiv nicht promovieren werde.

Achso, ja, zum Leben: Ich bin zwar noch in derselben Stadt und hänge mit denselben großartigen Freunden abends vor der Alten Pinakothek auf einer Picknickdecke rum. Aber in Herzensdingen ist alles anders (und voll schön!) – und ich habe jetzt eine Mitbewohnerin. Total vergessen, wie wunderbar so eine Mädchen-WG ist. Und ein eigenes Zimmer ist ohnehin eine feine Sache. Alle Lieblingsdinge an einem Ort vereint. Innerlich bin ich gerade richtig schön aufgeräumt. Vorher habe ich ein bisschen Inventur gemacht und mich von Zeug getrennt. Zu viele Bücher habe ich aber immer noch. Und bald steht noch eins im Regal. Mal sehen, ob ich mir selbst eine Widmung schreibe.

Jung. Kreativ. Isoliert.

Als ich noch angestellte Redakteurin war, fürchtete ich das Freiberuflerdasein wie der Veganer die Fleischtheke. Ich sah mich Spaghetti mit Ketchup essen und meinen Bruder anpumpen, weil ich keine Rechnungen mehr bezahlen kann. Schon verrückt, mit welchen Ängsten man sich belastet – die sich am Ende als völlig unbegründet herausstellen. Heute bin ich seit über zwei Jahren selbstständig. Kein einziges Mal hing ich im Dispo. Und gutes Essen konnte ich mir auch immer erlauben. Wie sich herausstellte, hat man als freie Journalistin ganz andere Sorgen. Ich hätte nie-nie-niemals gedacht, mich jemals einsam zu fühlen. Weil ich schon immer ein kommunikatives und offenes Persönchen war. Aber dann kam die Selbstständigkeit. Und mit ihr die Isolation. Der Fehler war, dass ich – um Geld zu sparen – von Zuhause arbeitete. Das ging genau ein Jahr gut. Erst entspannte mich die Ruhe total. Ich fand es großartig, Texte in einem Rutsch runterschreiben zu können, ohne dass ständig irgendwelche PR-Agenturen anriefen, um mich zu überreden, ein Produkt zu lobpreisen. Ein Jahr lang, in dem ich es genoss, in Bluse oder Schlafanzughose arbeiten zu können. Die totale Freiheit, herrlich. Doch ganz langsam wurde ich unglücklich – und erstmal hatte ich keinen Schimmer, weshalb. Dieses ungute Gefühl war mir völlig neu. Heute weiß ich, was mich belastete: zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich einsam. Mir fehlten Kollegen, mit denen ich mich austauschen konnte (und nicht nur per Mail!). Mir fehlten Meetings, in denen ich meine Ideen präsentieren konnte. Mir fehlte es, dass jemand sauer schaut, weil ich viel zu spät komme. Und mir fehlte es, Teil eines Teams zu sein. Gemeinsam für eine bessere Auflage kämpfen, für eine gute Geschichte, ein brillantes Interview.

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Ich recherchierte ein bisschen und fand heraus, dass Vereinsamung das größte (mentale) Risiko ist, mit dem freie Journalisten zu kämpfen haben. Und weshalb viele Gründungen scheitern. Wie soll man auch glücklich werden, wenn man nicht mal vom (erhofften) Auftraggeber Feedback bekommt? Und immer nur mit sich selbst konfrontiert ist, wenn etwas schief läuft. Erschreckend ist, dass nur ein Fünftel aller Freien in Büros organisiert sind. Klar, nicht jeder hat das Glück, ein paar Tage die Woche in einer Redaktion gebucht zu sein. Ich zum Beispiel habe nun nach zwei Jahren zum ersten Mal das Angebot, zwei Tage wöchentlich einen Redaktionsdienst zu machen. Es ist verrückt, wie sehr man sich nach einem sozialen Verbund sehnen kann.

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Meine journalistische Heimat ist seit ein paar Monaten zum Glück nicht mehr der Küchentisch, sondern mein Journalistenbüro. Das Leben ist ein völlig anderes, wenn man sich morgens anzieht und die Wohnung verlässt. Wenn man ein Ziel hat, um dann abends wieder nach Hause zu kommen. Ich habe gelernt, dass Einsamkeit und Isolation unglücklich und bitter machen. Und unzufrieden mit sich selbst. Der Austausch mit anderen ist für die meisten Menschen so wichtig wie Essen, Trinken und Schlafen. Deshalb hoffe ich, dass sich noch viel mehr Freiberufler in Bürogemeinschaften organisieren. Wenn wir alle in Jogginghose im Home Office sitzen, sehen wir nicht nur kacke aus. Wir kommen auch nicht auf die besten Ideen. Und werden Monat für Monat trauriger.

Bei mir hat ein kleiner Zufall alles geändert. Ein unscheinbarer Facebook-Post eines Kommilitonen aus Bamberg, mit dem ich bei der Studentenzeitung war. In seinem Journalistenbüro wurde ein Platz frei. Heute empfinde ich es als Luxus, nicht mehr alleine zu arbeiten und mich austauschen zu können. Mich isoliert so schnell nichts mehr.

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Läuft bei mir

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Seit knapp einem Monat recherchiere und schreibe ich nicht mehr im stillen Kämmerlein. Ich radele jeden morgen in mein Journalistenbüro. Das ist gut, denn durchgepustet denkt es sich besser. Noch viel toller ist, dass ich täglich Menschen (Nina Himmer, Sarah Schmidt, Lina TimmFabian Herrmann und Jakob Schulz) sehe, die dieselben Herausforderungen meistern wie ich (Mir fällt kein geiler Dreh für die Geschichte ein. // Der Experte gibt das Interview nicht frei. // Wie heißt noch mal das neue Jugendwort?). Die auf der anderen Seite aber auch dieselbe Leidenschaft in sich tragen. Unser Journalistenbüro im Hinterhof der Arndtstraße 4 in München hat sechs Schreibplätze, eine Küchenzeile und ein Mini-Bad. Wir kochen Tee, reden über Themen, lesen gegenseitig Texte gegen. Ich bin glücklich hier.

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Die Medienbranche ist sehr laut, manchmal auch oberflächlich. Bei uns knarzt die Treppe, es gibt kein warmes Wasser und wie die Heizung funktioniert, hat bisher keiner so richtig kapiert. Dafür haben sich hier ein paar Menschen gefunden, die an Sprache, Texte und Journalismus glauben. Und die es lieben, frei zu arbeiten. Die nicht von neun bis zwölf meckern, weil sie keine unbefristete Stelle finden. In uns brennt ein Feuer für das, was wir tun.

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Unser Journalistenbüro sieht aus, als würde gleich Meister Eder mit seinem Pumuckl aus der Tür treten. Das ist ein bisschen romantisch und hat mit einen fancy Redaktionsbüro nicht viel zu tun. Aber wir sind ja auch im Münchner Glockenbachviertel und nicht in Berlin Mitte. Bei uns gibt’s keine Designer-Büromöbel. Dafür fangen wir Stück für Stück an, hier unsere eigene Welt zu erschaffen, in der wir denken und schreiben können. Ganz schön gut, oder? Wir kochen übrigens nicht nur für uns Tee, sondern liebend gerne auch für unsere Gäste. Wer Glück hat, bekommt noch ein warmes Stück Zitronenkuchen vom Bäcker Alof serviert. Kommt vorbei!

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Als ich heute morgen ins Büro radelte, dachte ich: läuft bei dir. Übrigens das Jugendwort 2014.

Lest mehr Lyrik!

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Neulich hatte ich die Ehre, die wunderbare Nora Gomringer wiederzusehen. Diese Frau schreibt Gedichte. Tatsache. Außerdem leitet sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Wir kennen uns aus dem Studium. Jedenfalls trat sie ganz in meiner Nähe auf, beim Schamrock Festival der Dichterinnen. Da musste ich hin! Nora Gomringer stellt ganz ungeheuerliche Dinge mit Sprache an. Sie schreibt nicht nur Gedichte, sie kann sie auch vortragen, dass einem ganz anders wird. Auf ihrer Homepage steht geschrieben: „Vorsicht! Nora Gomringer könnte Sie amüsieren, irritieren, aus den richtigen Gründen zum Weinen bringen! Ist alles schon vorgekommen…“ Genau so ist es. Mich jedenfalls hat der Abend mit Nora und ihren Gedichten zum Nachdenken gebracht. Denn ich habe früher selbst gedichtet. Und zwar ständig. In meinen Germanistik-Vorlesungen, beim Lernen in der Bib, im Zug auf dem Weg in die hessische Heimat. Und natürlich bei Liebeskummer. Die meisten meiner Gedichte sind wahrscheinlich Schrott. Aber darum geht es nicht. Sondern darum, etwas mit Sprache auszuprobieren. Heute schreibe ich journalistische Stücke für die Redaktionen, die mich buchen. Das hat mit experimentieren natürlich wenig zu tun. Es ist ein bisschen schade, denn die Liebe zur Sprache war es, die mich überhaupt erst auf die Idee brachte, hauptberuflich Sätze in meinem Kopf zu bilden, um sie dann in eine Tastatur zu tippen. Weil ich aber den ganzen Tag seriöse Texte aufschreibe, mit denen ich mein Geld verdiene, habe ich abends keine Lust mehr auf Experimente.

Als ich nach Noras Lesung in der S-Bahn saß, entschied ich, wieder mehr Lyrik zu lesen. Weil Sprache in all ihren Facetten das Herz öffnen und die Seele erleichtern kann. Beispiel gefällig? Das großartige Gedicht „Du baust einen Tisch“ von Nora Gomringer kann man sich sogar ansehen:

So, und weil ich nicht so sein will, veröffentliche ich hier zum allerersten Mal zwei meiner Gedichte. Die kann man genial oder grottig finden. Aber ich habe etwas probiert. Und das ist es, worum es geht: nicht einrosten, neugierig bleiben, etwas wagen. Mit den Gedichten bin ich übrigens mal bei einem Poetry Slam aufgetreten. Keiner hat gebuht. Und am Ende hat mir sogar ein sehr netter Mensch geschrieben, wie beeindruckt er von meinem mutigen Auftritt war.

Abschied I

Entferne Dich nicht

Du bist doch hier zu haus.

Ich lege Dir meine Welt zu Füßen

Wann immer Du kannst,

betritt sie

und lege Dich an den schönsten Platz am Meer.

Ich sorge für sanfte Wellen und feinsten Sand.

Abschied II

Sei noch bei mir wenn Du gehst.

Lass meine Wärme in Dir

Und denke an meine Worte und fühle mich,

falls Du noch atmen kannst.