Superheld braucht Hilfe – ein Jahr nach „Der Tod kann mich mal!“

Vor genau einem Jahr erschien mein Buch „Der Tod kann mich mal!“. Damals war ich erleichtert, dass ich mich nun erst mal nicht mehr mit Krankheit, Tod und Abschied beschäftigen musste. Es sollten aber noch viele Interviews für Zeitungen, Magazine, Radio und Fernsehen folgen. Ich freute mich irre, wie viel Interesse das Buch wecken konnte. Als dann alle Pressetermine geschafft waren, stand auch schon mein Umzug nach Berlin an. Dann war es nicht mehr lang bis zu diesem besonderen Sommermorgen, an dem ich Mama wurde. Ein kleines Mädchen eroberte mein Herz und mein Leben.

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So glücklich war ich, als ich mein Buch endlich in den Händen halten durfte

Auf einmal war alles ganz weit weg, was mich bisher ausgemacht hatte: Die journalistische Arbeit, das Buch, das Flirren um Geschichten. Oft verlor ich das Gefühl für Raum und Zeit – und an das Buch wurde ich nur noch erinnert, wenn ich Post von Lesern bekam (was ich da an Feedback erhielt, hat mich berührt und umgehauen. Dazu schreibe ich aber noch mal gesondert einen Text).

Heute denke ich darüber nach, was das Buch mit mir gemacht hat. Es hat meine Beziehung zu Leben und Tod grundlegend verändert. Doch eine Sache fällt mir noch immer schwer: Der Umgang mit kranken Menschen, die mir nahe stehen. Ich glaube, dass es ganz vielen so geht. Die Beklemmung, bis ein Gespräch in Gang kommt. Diese Sprachlosigkeit. Gibt’s da überhaupt so etwas wie die richtigen Worte?

Traurigerweise ist diese Frage wieder sehr präsent in meinem Leben. Ein Freund ist seit einem Jahr krebskrank, er hat ein superseltenes Burkitt-Lymphom. In den ersten Monaten der Krankheit war die Kommunikation nicht schwer, weil Christian (30) einen klaren Fahrplan von den Ärzten bekommen hatte und wusste, wie lange er Chemotherapie und Krankenhaus noch zu ertragen hatte. Er vertrug die Chemo gut, arbeitete sich von Block zu Block. Und entwickelte einen geradezu sportlichen Ehrgeiz. Ich war schwer beeindruckt von seinem Kampfgeist. Wir alle wussten, dass das Ziel die komplette Heilung war. Dann kam im Herbst die erlösende Nachricht: Christian hat es geschafft, er geht als Gewinner aus der Sache heraus! Er machte seiner Freundin Stefanie einen Heiratsantrag (dem sie insgeheim schon lange entgegen gefiebert hatte) und führte sie im November in München vor den Traualtar. Ich war unendlich glücklich für die beiden. Jetzt würde das Leben so richtig losgehen.

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Christian und Stefanie – zwei Superhelden kämpfen gegen den Krebs

Anfang diesen Jahres dann die bestürzende Nachricht: Der Krebs ist zurück! Christian hatte einen Tumor im Bauchraum, den man sogar von außen fühlen konnte. Das Verrückte ist, dass er 14 Tage zuvor noch bei einer Kontrolle war und die Ärzte sich nach wie vor sicher waren, dass Christian gesund ist. So schnell und aggressiv war der Tumor gewachsen. Schnell wurde klar, wie ernst es diesmal war. Eine herkömmliche Therapie konnte Christian nicht helfen. Auf einmal stand der Tod im Raum. Und ich wurde sprachlos. Da hatte ich mich so viel mit Krebs, Sterben und dem Tod beschäftigt. Doch dann wird ein Freund krank und man ist so schrecklich hilflos, weil das alles so nah an einem dran ist. Oft wollte ich ihm schreiben, habe es dann aber wieder gelassen, weil ich nicht neugierig oder aufdringlich erscheinen wollte. Gestern habe ich mir ein Herz gefasst und ihn angerufen. Ich wollte wissen, wie er sich das mit der Kommunikation wünscht. Wahrscheinlich werden seine Antworten vielen weiterhelfen, die Freunde mit einer schweren Krankheit haben.

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Gab es jemals ein cooleres Brautpaar?!

Christian, regt dich die Frage „Wie geht’s dir“ eigentlich auf?

Ich bin erst mal ein bisschen genervt. Den Leuten ist ja grundsätzlich schon klar, dass ich Krebs habe – es mir also eigentlich nicht gut gehen kann. Was aber so blöd an der Frage ist: Die Leute erzählen nichts von sich, sondern lassen mich einen Wolf tippen. Ich weiß ja nicht, für welchen Aspekt sie sich konkret interessieren. Ich könnte sie in diese depressive Welt, die mich manchmal umgibt, abtauchen lassen. Oder ganz oberflächlich schildern, dass ich gerade im Krankenhaus bin. Die Schreiberei kann ganz schön in Arbeit ausarten.

Wäre es dann besser, sich nicht bei dir zu melden?

Auf keinen Fall, ich freue mich natürlich, wenn sich jemand nach mir erkundigt. Ablenkung ist immer gut. Aber ich möchte eben auch merken, dass sich der andere die Mühe macht, von sich zu erzählen. Und wenn ich Besuch im Krankenhaus empfange, möchte ich nicht unbedingt 90 Prozent Redeanteil haben und die anderen erdrücken. Immer über die Krankheit sprechen – wer will das schon? Aber um es noch mal ganz klar zu sagen: Das Schlimmste ist, sich gar nicht zu melden. Es gibt wirklich niemanden, der sich zu viel gemeldet oder neugierig gewirkt hat.

Sind deine Freunde und Verwandten manchmal geschockt, wenn du ihnen von deiner Krankheit erzählst?

Na klar. Ich muss das dann aushalten. Das ist ja das irre: Du selbst bist krank, musst aber die anderen auffangen und trösten. Aber man entwickelt eine Routine. Ich habe gemerkt, dass ich schlechte Nachrichten nicht gleich weitererzählen darf. Das klingt oft zu negativ und meine Eltern und Freunde machen sich schreckliche Sorgen. Besser ist es, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen, wenn der Arzt mit einer Hiobsbotschaft kommt. So sammele ich mich und schildere dann in etwas abgeschwächter Version, wie es um mich steht. Das war allerdings auch ein Lernprozess für mich.

Aktuell ist deine Lage richtig ernst. Wie gehst du damit um?

Ich war ja erst mal selbst geschockt und bin es noch immer. Die Therapie ist heftiger, ich bin oft abgeschlagen und müde. Klar ist, dass es nach einem Rückfall nicht so einfach wird, die Prognose ernster ist. Ich bin ein analytischer Typ und will genau wissen, was Sache ist. Verständlicherweise wollen manche es nicht wahrhaben, wie es jetzt um mich steht. Es ist schwer zu vermitteln und das kostet Kraft. Jeder will lieber hören, dass alles gut wird.

Seit etwas über einem Jahr bist du jetzt krank. Was hat dich in Bezug auf Kommunikation am meisten geärgert?

Wenn enge Freunde es nicht schaffen, eine konkrete Ansage zu machen. „Möglicherweise machen wir bald mal bei dir in der Nähe Urlaub, dann könnte ich dich ja vielleicht mal besuchen kommen. Vielleicht fahren wir aber auch nach Frankreich“ Hä, was soll das denn? Das finde ich weniger cool und es tut ehrlich gesagt auch ein bisschen weh. Was man in meiner Situation braucht, ist eine verbindliche Abmachung. Wenn jemand bei mir ist, bin ich immer happy. Dann geht die Zeit schnell rum und ich versinke nicht in negativen Gedanken.

Und was hat dich besonders gefreut?

Es haben sich Leute gemeldet, die ich bis dato gar nicht so gut kannte. Kollegen, mit denen ich nur ein paar Mal zu tun gehabt habe. Oder Jungs und Mädels, mit denen man ein paar Mal gesportelt hat. Jemand hat mir auch ein wirklich sehr persönliches Geschenk gemacht, etwas, das ihn immer durch schwere Phasen begleitet hat – und das gibt er mir dann einfach so mit. In so einem Fall muss ich dann auch weinen und bringe nichts mehr raus.

Was ist für dich ein Kommunikations-Faux-pas?

Ach, so viel kann man nicht falsch machen. Ich persönlich kann mit spirituellem Zeug nicht so viel anfangen. Und wenn jemand mantra-mäßig „Alles wird gut“ wiederholt, bin ich genervt. An manchen Tagen kann ich auch „Du bist ein Kämpfer und ziehst das durch“ nicht hören. Wenn ich gerade einen massiven Rückschlag zu verarbeiten habe, ist das der falsche Satz. Aber jeder erwischt da mal einen falschen Tag, ich würde das niemals jemandem krumm nehmen. Ich kann ja auch verstehen, dass man manchmal nicht weiß, was man mir schreiben soll.

Ich würde unser Gespräch gerne mit einem schönen Thema beenden: Wie kam es, dass du Stefanie einen Heiratsantrag gemacht hast?

Als die Ärzte sagten, ich sei krebsfrei, habe ich mein ganzes Leben neu priorisiert. Ich wollte mich um die Leute bemühen, die mich unterstützt hatten. Und ich wollte um Stefanies Hand anhalten. Das hatte ich mir fest vorgenommen, als ich noch in der Klinik lag, schon ganz am Anfang, als es mir noch richtig schlecht ging. Ich lag im Bett, die Schlaftablette hat nicht gewirkt und auf einmal hatte ich diesen Gedanken: wenn das klappt und ich hier fit rauslaufe, nehme ich das in die Hand – und ich bin heilfroh, dass ich das so gemacht habe. Stefanie ist einfach der verborgene Superheld dieser ganzen Geschichte und ich wollte unbedingt mit ihr verheiratet sein. Jetzt ist sie meine Frau.

Gerade kämpft Christian um sein Leben. Seine Frau und er sammeln Geld für ein Medikament, das sein Leben retten kann. Hier gibt es mehr Informationen darüber. Bitte spendet für Christian, wenn ihr könnt!

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Große Liebe, großes Glück. Wir brauchen ein Happy End!
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Published by

kirabrueck

Ich bin freie Journalistin und Autorin – und schreibe voller Hingabe, Humor und Herzblut Texte. Ich liebe übrigens nicht nur Worte, die auf Papier gedruckt werden. Sondern auch solche, die man online lesen kann. Hier möchte ich darüber erzählen, welche Gedanken ich mir beim Schreiben und Recherchieren mache. Was mir bei meiner Arbeit alles passiert. Und wo ich gerade aktuell veröffentliche. Viel Freude beim Lesen!

2 Antworten auf „Superheld braucht Hilfe – ein Jahr nach „Der Tod kann mich mal!“

  1. Ach Kiri

    Immer wenn ich von dir lese, vermisse ich dich.

    Schicke eine feste Umarmung! Susi

    Von meinem iPad gesendet

    >

  2. Liebe Kira, hoffentlich schaffen es Stefanie und Christian das Geld zusammenzukriegen! Wie schrecklich, wenn dein Leben an einem „Geldfaden“ haengt. Ich druecke ganz fest die Daumen und spende!
    Liebe Gruesse nach Berlin und lasse es dir gut gehen!
    hugs
    Marion

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